Jassen
Jassen ist das beliebteste Kartenspiel der Schweiz. In Stuben, Beizen und auf digitalen Plattformen wird seit über 200 Jahren gejasst — alleine gegen den Computer, zu zweit, zu dritt oder im Team. Vom einfachen Tschau Sepp bis zum taktisch anspruchsvollen Schieber oder Sidi Barrani kennt das Jassen über 40 Varianten. Das Bundesamt für Kultur (BAK) führt Jassen als lebendige Tradition im nationalen Inventar.
Der Schieber — Die beliebteste Variante
Der Schieber ist die meistgespielte Jass-Variante der Schweiz. Vier Spieler bilden zwei Teams — die Partner sitzen sich diagonal gegenüber. Jeder erhält 9 Karten. Ziel ist es, durch Stiche möglichst viele der 157 Punkte pro Runde zu sammeln. Ein Spiel geht üblicherweise auf 1000, 2500 oder 5000 Punkte, je nach Multiplikatoren. Der Matsch gibt 100 Bonuspunkte.
Was den Schieber besonders macht: Wer an der Reihe ist, kann die Trumpfwahl an den Partner «schieben» — daher der Name.
Besonderheit: In der Schweiz wird gegen den Uhrzeigersinn gejasst — «de Ohrfiige nah», wie es im Volkmund heisst. In Vorarlberg und Liechtenstein, wo ebenfalls gejasst wird, wird hingegen im Uhrzeigersinn gespielt.
Jass-Varianten
Das Jassen kennt über 40 dokumentierte Varianten — von der strategischen Königsdisziplin bis zum schnellen Gesellschaftsspiel.
Partnerspiele (im Team)
- Schieber — 4 Spieler, 2 Teams. Die Standardvariante.
- Coiffeur — Jede Ansage muss einmal gespielt werden.
- Sidi Barrani — Mit Versteigerung: wer am höchsten bietet, bestimmt Trumpf und muss die gebotene Punktzahl erreichen.
- Bolschewik — Partnerspiel mit doppeltem Deck (72 Karten).
Einzelspiele (jeder gegen jeden)
- Differenzler — Jeder schätzt seine Punkte; wer am nächsten liegt, gewinnt. Bekannt aus dem Samschtig-Jass auf SRF.
- Molotow — Destruktionsspiel: Wer am wenigsten Punkte hat, gewinnt. Trumpf entsteht dynamisch.
- Handjass — Klassisches Einzelspiel mit Nachziehen vom Stapel.
Königsspiele (einer gegen alle)
- Pandur — Der Höchstbietende spielt allein gegen die anderen. 24 Karten. Betrügen erlaubt.
- Bieter — Verwandt mit Pandur, aber mit 36 Karten.
Gesellschafts- und Lernspiele
- Tschau Sepp — Das Schweizer Mau-Mau mit Jasskarten. Ideal zum Einstieg.
- Chratze — Schnelles Topfspiel mit nur 4 Karten.
- Guggitaler — Glücks- und Geldspiel mit Jass-Karten.
Die Karten
In der Schweiz wird mit 36 Karten gespielt — 4 Farben mit je 9 Karten (6, 7, 8, 9, 10, Under, Ober, König, Ass).
Zwei Kartensysteme sind verbreitet:
| Schweizer Blatt | Französisches Blatt |
|---|---|
| Schellen | Herz ♥ |
| Schilten | Ecke ♦ |
| Rosen | Kreuz ♣ |
| Eichel | Schaufel ♠ |
In der Deutschschweiz dominiert das Schweizer Blatt mit den traditionellen Farben Schellen, Schilten, Rosen und Eichel. In der Westschweiz, Basel, Graubünden, Tessin und entlang vom Bodensee wird mit französischen Karten gespielt.
Besondere Karten im Trumpf:
Spielmodi (Ansagen)
Im Schieber und Coiffeur wählt ein Spieler zu Beginn jeder Runde den Spielmodus. Neben den vier Trumpffarben gibt es weitere Ansagen:
- Trumpf — Eine der vier Farben wird Trumpf. Puur und Nell dominieren.
- Obenabe — Kein Trumpf. Die höchste Karte sticht. Ass ist die stärkste Karte.
- Undenufe — Kein Trumpf. Die niedrigste Karte sticht. Die 6 ist die stärkste Karte.
- Slalom — Abwechselnd Obenabe und Undenufe pro Stich.
- Guschti (Quer) — Erst Obenabe, dann Undenufe (oder umgekehrt).
- Trio — 3 Stiche Trumpf, 3 Stiche Obenabe, 3 Stiche Undenufe. Reihenfolge frei wählbar.
- Misère — Ziel: keinen einzigen Stich machen.
Weis und Stöck
Ein Weis ist eine Kartenkombination, die vor dem ersten Stich angesagt wird und Bonuspunkte bringt.
Folgen (gleiche Farbe, aufeinanderfolgende Werte):
| Weis | Karten | Punkte |
|---|---|---|
| Dreiblatt | 3 aufeinanderfolgende | 20 |
| Vierblatt | 4 aufeinanderfolgende | 50 |
| Fünfblatt | 5 aufeinanderfolgende | 100 |
| Sechsblatt | 6 aufeinanderfolgende | 150 |
Vier Gleiche:
| Karten | Punkte |
|---|---|
| Vier gleiche (6–K) | 100 |
| Vier Nell (9er) | 150 |
| Vier Puur (Under) | 200 |
Stöck: Wer König und Ober (oder Dame) der Trumpffarbe hält, meldet Stöck = 20 Punkte.
Geschichte
Ende des 18. Jahrhunderts gelangte das Jassen über niederländische Söldner in die Schweiz. Die älteste bekannte Erwähnung stammt von 1796, als zwei Bauern wegen eines Spiels namens «Jassen» vor Gericht standen.
Im 19. Jahrhundert verbreitete sich das Jassen durch die Industrialisierung — Arbeiter brachten es vom Land in die Städte, und es wurde zum festen Bestandteil der Beizen- und Vereinskultur. 1895 erschien das «Ramstein-Reglement» — das älteste bekannte Schweizer Jass-Regelwerk, verfasst von J.N. Ramstein und Leo Philipona in Freiburg.
Der Zweite Weltkrieg verbreitete das Jassen weiter: In der Armee und im Aktivdienst wurde in jeder freien Minute gejasst. Nach dem Krieg machte das Fernsehen den Jass endgültig zum Nationalspiel — insbesondere der «Samschtig-Jass» auf SRF, bei dem die Differenzler-Variante gespielt wird, brachte das Spiel in jedes Wohnzimmer der Schweiz.
Heute ist Jassen als immaterielles Kulturerbe anerkannt und wird vom Jassverband Schweiz (JVS) als strategischer Denksport gefördert.
Jass-Begriffe
Das Jassen hat ein reiches Vokabular — von Matsch über Schneider bis Stöck-Weis-Stich.
- Matsch — Alle 9 Stiche gemacht. Gibt 100 Bonuspunkte.
- Schneider — Gewonnen ohne dass der Gegner den Berg (halbe Punkte) erreicht hat.
- Schmieren — Dem Partner wertvolle Karten zuspielen.
- Stöck-Weis-Stich — Die Reihenfolge in der Punkte zählen: zuerst Stöck, dann Weis, dann Stiche.
- Bock — Punktemultiplikator. Entsteht z.B. nach einem Matsch.
Jassen als Kulturgut
Das Bundesamt für Kultur (BAK) führt Jassen in der Liste der lebendigen Traditionen der Schweiz. Der Jassverband Schweiz (JVS) organisiert die erste nationale Team-Schweizermeisterschaft und betreibt mit JassGuru die digitale Kreidetafel und mit JassWiki die umfassendste Wissensplattform zum Jassen.